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Telekommunikationsmarkt in Deutschland innovationsschwach

Dieses Thema im Forum "Lesestoff" wurde erstellt von zeeschplitz, 22 Dez. 2004.

  1. zeeschplitz

    zeeschplitz Neuer User

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    Telekommunikationsmarkt in Deutschland innovationsschwach
    Bonn/Düsseldorf, 20.12.2004 - Eines der strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft liegt nach Ansicht vieler Experten darin, dass keine zugkräftige und innovative Branche existiert. Hatte in den neunziger Jahren die TK-Branche und in deren Fahrwasser auch die IT-Branche als das Zukunftssegment schlechthin gegolten, ist heute davon in Deutschland nicht viel übrig geblieben. Im Januar 1998, zum Start des Wettbewerbs in der Festnetztelefonie, erläuterte Professor Arnold Picot von der Universität München in einem Fachbeitrag, wie die Telekommunikation dazu beiträgt, Märkte außerhalb der Telekommunikationsbranche selbst zu entwickeln. „Heute sind etwa 70 bis 80 Prozent der wirtschaftlichen Aktivitäten unmittelbar informations- und kommunikationsorientiert. Die Wechselwirkung zwischen ‚Technology Push’, neue Angebote der Technik, ‚Market Pull’ und Problemlösungsnachfrage, verstärken sich im Bereich der Telekommunikation gegenseitig“.
    Was ist in rund sieben Jahren zwischen Januar 1998 und Dezember 2004 schief gelaufen? Warum hinkt Deutschland zunehmend mit zu hohen Mobilfunkpreisen, schwachem Infrastrukturwettbewerb, nur durchschnittlicher DSL-Versorgung, ausgebremster IP-Telefonie und Planlosigkeit zum kommenden Wireless-Standard WiMAX, den europäischen Nachbarländern hinterher?

    Als große ITK-Markteilnehmer existieren in Deutschland noch der Ex-Monopolist Telekom, Siemens, Infineon und SAP. Nach diesen Schwergewichten kommt lange gar nichts. Auf Service konzentrierte IT-Dienstleister sind meist ausgegliederte Tochterunternehmen von großen Konzernen. Ganz offensichtlich gibt es einen eklatanten Bruch in dem, was als „Lebenszyklus“ von Unternehmen bezeichnen wird, da Cash-Cows aber keine Rising Stars auf dem Markt agieren. Die schon jetzt feststellbare Lücke wird sich in den nächsten Jahren vergrößern: der Nachwuchs an potenzialträchtigen ITK-Unternehmen fehlt in der deutschen Wirtschaft.

    Die aktuellen Diskussionen und Statements zur IP-Telefonie zeigen, dass das Zusammenspiel zwischen der schleppenden Politik, der Regulierungsbehörde (RegTP) und der dominierenden Marktmacht der Deutschen Telekom ein massives Hemmnis darstellt. Dass die IP-Telefonie in den kommenden Jahren die klassische Telefonie ablösen wird, wissen die Markteilnehmer. Das wäre eine zweite Chance für neue Impulse, nach sieben Jahren bescheidenem Wettbewerb im Festnetz. Hier setzt die Politik der RegTP an. Beim VoIP-Forum der Behörde im Oktober wurde das Thema „Rufnummern“ diskutiert. Die Auflage, dass Festnetz-Rufnummern nur für Anschlüsse innerhalb des Ortsnetzes ihrer Vorwahl benutzt werden dürfen, steht dem Erfolg von neuen Anbietern im Weg. Viel hemmender ist die Bündelung von DSL und Telefonanschluss der Telekom, die über rund 90 Prozent der circa vier Millionen DSL-Anschlüsse in Deutschland verfügt und so den Markt blockiert. Der mangelnde Infrastrukturwettbewerb in Deutschland ist das Kernproblem aller höherwertigen Dienste, die darauf aufsetzen.

    „Als Konsequenz auf die unzulänglichen Erfolgsaussichten im deutschen Telekommunikationsmarkt haben die großen nationalen und auch die internationalen Investoren in den sieben Jahren seit Januar 1998 das Handtuch geworfen. Die deutschen Energie- und Mischkonzerne wie RWE, Eon, VIAG und Thyssen machten das bereits schon bis zum Jahr 2000. Warum? Weil kein Return-on-Invest abzusehen war und das Marktsegment nicht lukrativ war. Auch die angloamerikanischen Private Equity Gesellschaften haben sich größtenteils wieder zurückgezogen. Übrig geblieben sind nur Anbieter in kleinen Marktnischen“, fasst Omar Khorshed, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer acoreus AG seine Erkenntnisse zusammen. acoreus als Dienstleister für Anbieter von Sprach- und Mehrwertdiensten kennt die Probleme der Telekom-Wettbewerber aus den täglichen Kundenkontakten: zu hohe Preise für Vorprodukte der Telekom, unzulässige Bündelprodukte, überzogene Auflagen der Regulierungsbehörde, extrem langwierige Prozesse der Behörde bei Einsprüchen, Anträgen oder Entscheidungen.

    Die Geschwindigkeit, mit der die RegTP an innovativen Themen arbeitet, beschrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel sehr treffend: „Ob die Entbündelung von Telefon und DSL wirklich eine gute Idee sei, das müsse erst eine Markterhebung erweisen, sagt Rudolf Boll von der RegTP. Die Studie werde vielleicht bis zum Sommer ausgewertet sein, aber festlegen möge er sich da nicht. Danach kämen die nationalen Konsultationen und dann die Konsultationen in der EU.“ Ähnliches gilt für die Lizenzen und Frequenzzuteilungen für WiMAX. Während im Nachbarland Österreich die Frequenzen für WiMAX bereits vergeben wurden, ist man in Bonn noch nicht einmal dabei, sich zu überlegen, wie und wann das Thema konkret angefasst werden soll. Ohnehin wird in vielen Bereichen die Behörde erst dann aktiv, wenn offizielle Klagen anstehen. Die regulatorische Praxis zeigt eine aktuelle Entscheidung des europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur „Rufnummernvergabe“. Der Mobilfunknetzbetreiber O2 und die Isis Multimedia Net hatten das Bundesverwaltungsgericht angerufen, um gegen die Gebühren der RegTP für die Verteilung von Rufnummern in den Jahren 1999 und 2000 zu klagen. Im gleichen Zeitraum hatte die Deutsche Telekom hingegen 400 Millionen Rufnummern von der Behörde umsonst erhalten. EuGH-Generalanwalt Ruiz-Jarabo Colomer hob in seinem Schlussplädoyer hervor, dass diese Praxis der Regulierungsbehörde eine Diskriminierung von Neuanbietern und eine Verletzung der EU-Gesetze darstelle.

    Die Strategie der Behörde zur IP-Telefonie hatte RegTP-Chef Matthias Kurth bereits auf dem Forum seiner Behörde im Herbst mit den Worten umschrieben: “Wildwuchs vermeiden“. Aus dieser Perspektive wären innovative Angebote für IP-Telefonie mit niedrigen Flat Rate-Tarifen und frei wählbaren Rufnummern Wildwuchs, der den Telekommunikationsmarkt in Deutschland verändern würde. Auch eine schnelle Verbreitung von WiMAX-Zugängen mit der Aussicht, über Distanzen von 20 bis 30 Kilometern IP-Telefonie zu ermöglichen, wäre eine Bedrohung für die heutige Verteilung des Marktes. „Die Politik des Ausbremsens von Innovationen schadet den eigenen Wirtschaftstandort. Zwar wurde in Deutschland der Standard für Voice-over-IP erfunden, aber aus der innovativen Idee erfolgreiche Geschäftskonzepte und prosperierende Unternehmen zu machen, bleibt den Ländern vorbehalten, wo die IP-Telefonie sich frei von bürokratischen Zwangsregelungen ausbreiten kann. Setzt sich die IP-Telefonie in Deutschland verspätet durch, wird die Technik importiert werden und das Geschäft machen ausländische Hersteller“, so Khorsheds Resümee. Das Phänomen von MP3 werde sich wiederholen.